Johann Heinrich Tischbein in Kassel

etcLaut Kasseler Policie- und Kommersienzitierung kam am 18. November 1767 ein griechischer Priester namens Erasmus in die Stadt und übernachtete im Hotel „Goldner Engel“. Kurz darauf schrieb Erasmus einen Brief an den hessischen Landgrafen Friedrich II., in dem er sich als Bischof von Arkadien auf Kreta vorstellte, der wegen der osmanischen Verfolgung seine Insel verlassen hatte, Europa nach Kassel durchquerte und nicht mehr zurückkehren konnte, weil er unterwegs lernte dass die französische Armee auf Kreta gelandet war. Übrigens erhielt er breite Unterstützung von christlichen Wohltätigkeitsorganisationen in Frankfurt und in den Niederlanden, und jetzt bittet er in Schloss demütig um die Hilfe des Landgrafen.

Jörg Westerberg erklärt in seinem Essay über die Petenten, dass diese Geschichte nicht besonders glaubwürdig ist – er erinnert an zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen Menschen mit Scheinlebensläufen sich als Glaubensflüchtlinge aus fernen Ländern ausgaben, um Unterstützung zu gewinnen. Aber der Fall von Erasmus ist etwas Besonderes. Seine Geschichte muss zumindest anfangs glaubwürdig gewesen sein und die Emotionen der Öffentlichkeit erregt haben, denn wenig später hat der Hofmaler Johann Heinrich Tischbein selbst die Züge des Bittstellers festgehalten.

Als Tishbein 1754 die Familie eines hessischen Erbprinzen darstellte, war der Künstler am rechten Bildrand zu sehen, der Prinz jedoch nicht.  Später malte er es ganz rechts.


Als Tishbein 1754 die Familie eines hessischen Erbprinzen darstellte, war der Künstler am rechten Bildrand zu sehen, der Prinz jedoch nicht. Später malte er es ganz rechts.
:


Bild: Museumslandschaft Hessen Kassel

Der vermeintliche Bischof sieht sehr imposant aus, mit seinem langen, dichten Bart, den er in die rechte Faust stützt, die linke Hand auf einem aufgeschlagenen schweren Buch ruht, sein Gesichtsausdruck freundlich, aber leicht abwesend, als wäre er ein alter Mann, der sich entspannt beim Studieren befindet. Der Text kommt ihm bei Bedarf in die Quere, aber er ist immer noch mit anderen Dingen als der physischen Welt beschäftigt. Tishbein trägt zum verschwommenen Hintergrund und der sanften Beleuchtung bei und präsentiert den vermeintlichen Bischof in einem kargen Raum: Der Maler beabsichtigt sicherlich nicht, die Geschichte von Erasmus in Zweifel zu ziehen.

Das 1998 erworbene Gemälde gehört zu einer sorgfältig ausgewählten Auswahl an Werken, die Schloss Wilhelmshöhe in Kassel anlässlich des 300. Geburtstags des Malers zeigt. Angesichts seiner Lebensgeschichte verwundert es nicht, dass der heimische Werkbestand so reich ist: Tischbein, als fünfter Sohn eines Bäckers in Hessen geboren, war ab 1753 am landgräflichen Hof in Schloss und blieb dort bis dahin. Ende seines Lebens. Er schuf Deckengemälde für das Residenzschloss des Schlosses, von denen drei wie durch ein Wunder erhalten geblieben sind und zwei erstmals seit der Zerstörung des Schlosses wieder einem großen Publikum gezeigt werden. Er wurde Direktor der neu gegründeten Kunstakademie, und es scheint, dass drei sehr unterschiedliche Landgrafen ihn freundlich behandelten – jedenfalls malte er sie Dutzende Male, mit ihren Familien und auch persönlich.

Wo sind die Väter dieser Kinder?

Ein beeindruckendes Gemälde zeigt den späteren Landgrafen Friedrich II. als Erbprinzen, allerdings erst nachdem Tischbein das Bild überarbeitet hatte, da die erste Version nur Frau und Kinder des Prinzen zeigte. 26 Jahre später ist er selbst am Rand abgebildet, während der Maler auf der anderen Seite des Bildes steht und ein gerahmtes Porträt des heutigen Landgrafen Wilhelm VIII. zeigt. Der Ausdruck auf seinem runden, fast fleischigen Gesicht ist selbstbewusst und ernst; Ein Bäckerssohn aus Haina zählt in dieser Runde etwas.

Source

Leave a Reply

Your email address will not be published.

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button