Zukunfts-Konferenz: „Der Blick auf die Wissenschaft wurde schärfer“

DDie erfolgreichsten Hochschulstandorte schaffen es, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit so zu verbinden, dass alle zusammenwachsen – Boston in den USA oder die Region Kopenhagen/Malmö sind die bekanntesten Beispiele dafür. Und wo ist Hamburg? Kann die Transformation von Forschungsergebnissen in Unternehmen gelingen?

Diese Fragen werden am Dienstag auf der ersten Hamburger Zukunftstagung in der Handelskammer diskutiert, wo in mehreren Panels vor 250 Besuchern die Themen Klima, Energie, Medizin und wissenschaftliche Akzeptanz diskutiert werden. WELT AM SONNTAG ist Medienpartner der Veranstaltung der Universitätsgesellschaft Hamburg (UGH) zum 100-jährigen Jubiläum.

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Die Präsidentin der UGH Elke Weber-Braun, der ehemalige Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät MIN der Universität Hamburg Professor Heinrich Graener und der Präsident der Handelskammer Norbert Aust sprachen vorab darüber, was in Hamburg bereits gut läuft – und wo dort sind immer noch Fallstricke.

WELT am Sonntag: Wahrscheinlich war die Wissenschaft noch nie so stark vertreten wie in den letzten Jahren, insbesondere in Klima- und Energiefragen, aber natürlich auch in der Pandemie. Wie hat sich der Blick auf die Wissenschaft dadurch verändert?

Elke Weber-Braun: Wenn ich positiv anfangen darf: Die Lust, sich mit wissenschaftlichen Themen und Ansätzen im Allgemeinen auseinanderzusetzen, ist gestiegen. Dabei ist vielen klar geworden, wie komplex die Zusammenhänge oft sind, aber auch, dass die entsprechenden gesellschaftlichen Gruppen – Wirtschaft, Politik, Medien – teilweise sehr unterschiedliche Sprachen sprechen und natürlich unterschiedliche Interessen verfolgen. Um die Sphären noch besser zu vernetzen, ist noch viel Arbeit nötig.

Norbert Aust: Aber diese Sphären waren noch nie so nah wie jetzt. Die Wissenschaft hat ihren Elfenbeinturm verlassen und die Öffentlichkeit hat ihre Bedeutung erkannt.

WELT am Sonntag: Nähe schafft auch soziale Spannungen. Das erleben wir in der Corona-Pandemieforschung und der Klimadebatte.

Heinrich Gräner: Exakt. Nehmen wir das Beispiel Coronavirus: Die erfolgreiche Erforschung eines wirksamen Impfstoffs allein reicht nicht aus. Man muss es produzieren, man muss es verteilen, man muss Impfzeiten festlegen, Impfzentren einrichten und die Impfbereitschaft in der Bevölkerung erreichen. Diese Kette muss von Anfang an geplant werden, damit das wissenschaftliche Ergebnis der Gesellschaft zugute kommt. Dazu müssen viele Akteure miteinander sprechen.

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WELT am Sonntag: Anders gefragt: Wie gehen die Wissenschaftler selbst mit dieser Rolle um? Diese Form der Interaktion ist neu für sie.

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Österreich: Vielleicht sehen einige jetzt klarer, dass Wissenschaft kein Selbstzweck ist, sondern immer ein Dienst an der Gesellschaft. Der Transfer von erworbenem Wissen ist nun klar die dritte Säule, eine zusätzliche Aufgabe neben Forschung und Lehre. Aber das ist ein Prozess, der bestätigt werden muss…

Weber Braun: … und wo auch Politik und Medien eine bedeutende Rolle spielen. Da sie ihre eigenen Vorgehensweisen und Ziele haben, werden wissenschaftliche Erkenntnisse oft nur für ihre eigenen Interessen genutzt oder verwässert. Diese Erfahrung mussten auch viele Wissenschaftler machen. Besser wäre es, wenn sich alle Beteiligten auf das Gemeinwohl der Gesellschaft und nicht in erster Linie auf ihre eigenen Ziele konzentrieren würden.

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Österreich: Aufgabe der Wissenschaft ist es dann auch, voranzukommen und neue Räume zu eröffnen. Auch das kann zu Spannungen führen, die wir alle ertragen müssen, um voranzukommen.

Gräner: In letzter Zeit haben wir gesehen, wie sich der Fokus auf die Wissenschaft aufgrund der Notwendigkeit, nicht krank zu werden, verschärft hat. Ich habe zum Beispiel noch nie so viele Wissenschaftler im Fernsehen gesehen wie in den letzten Jahren. Diese öffentliche Dynamik müssen wir jetzt nutzen, um langfristig eine bessere Vertrauensbasis im Dreieck Wissenschaft/Politik/Öffentlichkeit zu finden. Manchmal hat die Gesellschaft uns Wissenschaftler – wie Sie sagten, Herr Aust – in einen Elfenbeinturm gesteckt und einfach gesagt, tun Sie es! Aber wir brauchen einen ständigen Dialog.

WELT am Sonntag: Wie kann es arrangiert werden?

Weber Braun: Das ist die Aufgabe der Institutionen. Die Handelskammer Hamburg hat Programme zur besseren Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft aufgelegt und Anlaufstellen geschaffen, die Universität hat eine Transferabteilung eingerichtet und in vielen Unternehmen und der Politik gibt es deutlich motiviertere Menschen, die das Zusammenspiel vorantreiben. Nicht zuletzt sind da auch Institutionen wie die Universitäts-Gesellschaft Hamburg, die sich seit 100 Jahren als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit versteht und dies zum Beispiel auf der anstehenden Konferenz am Dienstag nach außen tragen wird . .

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Österreich: Auch die Universität Hamburg wurde als Reaktion auf die Krise nach dem Ersten Weltkrieg gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg auch daraus gelernt. Es ist auch nicht so, dass es diesen Transferservice nicht schon vor der Pandemie oder vor der Klimakrise gegeben hätte, das dialogische Wirtschaftsuniversitätsforum gibt es seit 25 Jahren. Aber manchmal ist es notwendig, Abläufe und Ziele entsprechend neuen schwierigen Momenten neu auszurichten – dann ist die Krise eigentlich die Schwester der Chance.

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WELT am Sonntag: Andererseits werden viele öffentliche Diskussionen derzeit sehr ideologisch geführt. Und Ideologie ist nicht, um bei der Metapher zu bleiben, die Schwester der Wissenschaft, sondern die Schwester der Krise.

Weber Braun: Es kommt oft aus der Politik, wo die Selbstbeschreibung leider ein immer wichtigerer Faktor ist. Und es lässt sich besser mit einem ideologischen Ansatz in Verbindung bringen als mit wissenschaftlichen Fakten. Das Verhalten färbt dann auf andere soziale Gruppen ab.

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Gräner: Wissenschaftliche Beobachtungen sind nicht immer einfach. Wir sprechen seit mehr als 60 Jahren über den Klimawandel und die Klimakrise. Wir wissen seit langem, dass die aktuelle Situation kommt, aber selbst kleine Korrekturen an den Finanzen oder dem persönlichen Verhalten wurden in der Hoffnung, dass alles schief geht, beiseite geschoben. Jetzt hat sich die Situation deutlich verschlechtert und die Maßnahmen müssen noch strenger werden.

Österreich: Oder noch besser geplant, in jedem Fall sind seit einigen Jahren große Innovationen in der Wirtschaft sichtbar: Neben großen Unternehmen gibt es in Hamburg auch ein reges Treiben bei Start-ups. Die Verbindung zur Wissenschaft ist hier stärker denn je.

WELT am Sonntag: Nehmen wir die Frage der zukünftigen Energieversorgung. Überall wird geforscht, der Zeitdruck ist groß. Was muss jetzt passieren, um gute Ergebnisse zu erzielen?

Gräner: Wir müssen hier von Anfang an das große Ganze im Blick haben und nicht zu schnell auf den einzigen Erlöser warten, der Erlösung bringen kann. Die Atomkraft wurde so vor 50 Jahren eingeführt, obwohl jeder wusste, dass sie große Schwächen in puncto Sicherheit und vor allem der nuklearen Entsorgung hatte. Jede technologische Entwicklung hat auch ihre eigenen Probleme. Und das gilt auch für den neuen Heilsbringer Wasserstoff.

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WELT am Sonntag: Was sind das für Probleme?

Gräner: In Deutschland können wir nicht genug grünen Wasserstoff produzieren, den wir brauchen. Dazu bräuchte es sonnenreiche Gebiete für die Solarstromproduktion, etwa in Afrika. Aber wollen wir hier wieder abhängig werden, wie wir es mit Russland bei Gaslieferungen gemacht haben? Diese Frage sollte man sich frühzeitig stellen, erst wenn bereits Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert wurden. Es ist Teil der Ehrlichkeit des Dialogs, wie wir es zuvor beschrieben haben. Das wichtige gegenseitige Vertrauen kann nur gestärkt werden, wenn solche und ähnliche Dinge offen gesagt werden.

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Weber Braun: Sie müssen bereit sein, hier alles und viele andere drängende Punkte zu besprechen, möglichst in der richtigen Reihenfolge, um Risiken und Chancen abzuwägen. Auf dieser Basis muss dann entschieden werden, welche Prioritäten gesetzt werden.

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WELT am Sonntag: Wie gut ist Hamburg in diesem Kräftespiel? Wissen Wissenschaft und Wirtschaft genug voneinander?

Gräner: Ich sage etwas Böses: Die Bedürfnisse der Wirtschaft sind oft viel niedriger angesetzt als das, was die Wissenschaft leisten kann oder woran sie gerade arbeitet. Oder die Forschung ist schon viel weiter als das, was die Wirtschaft fordern will. Für Wissenschaftler ist das manchmal Wissen von gestern oder gestern, sie denken gar nicht, dass es noch interessant sein könnte. Die Herausforderung besteht darin, Formate zu schaffen, um zu gemeinsamen Ergebnissen oder zumindest zum Austausch zu kommen.

Österreich: Das gegenseitige Kennenlernen ist weiter entwickelt denn je. Die Lockdown-Arbeit, insbesondere für mittlere und kleine Unternehmen, endet nie. Auch große Forschungsinstitute wie Desy bieten Möglichkeiten für mittelständische Unternehmen, die eigenen Produkte oder Herstellungsverfahren zu verbessern. Man muss nur wissen, wie man zusammenkommt. Die Wissenschaft muss vorwärts laufen, aber sie muss auch umkehren und sich fragen, wie wir andere mitnehmen können.

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WELT am Sonntag: Ist das auch eine Idee für eine zukünftige Konferenz?

Weber Braun: Ebenfalls. Natürlich wollen wir die Arbeit des Hochschulclubs hervorheben und aufzeigen, warum sich gerade in der aktuellen Situation eine Mitgliedschaft bzw. ein Engagement lohnt – nämlich die genannten Austauschpunkte zu organisieren und zu beeinflussen. Aber wir tun dies nicht aus Selbstzweck, sondern weil die Themen, die wir diskutieren, sehr wichtig für die Entwicklung der Stadt und unseres Lebensraums sind: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Österreich: Als IHK-Präsident möchte ich ergänzen: und von wo?

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